Archive for the ‘Ansichtssachen’ Category

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partisan+ | Designmagazin


>> der vollständige Preview des Magazins zum Download [PDF ca. 8 MB]

Die Print-Ausgabe kann gegen eine Schutzgebühr von 10 EUR bestellt werden unter mail@designpartisan.de

Ein Kommunikationdesign-Projekt.
Team: Thomas Hilbig (Dozent), Sandra Bümmerstede, Benjamin Dreher, Katharina Frerich, Moritz Gersmann, Maria Görissen, Kira Hagebeucker, Kathrin Kohl, Christine Korten, Inken Kronsbein, Martina Libera, Alex Maciboba, Laura Stolle,  Marina Sunkel, Simon Thon, Peter Paul Timmermann, Andreas Voss, Katharina Walters, Janin Wolter (StudentInnen alphabetisch)

Editorial: Mit Gefühl

Ständig steht uns irgendetwas im Weg. In der Regel sind es von Menschen gemachte – also gestaltete – Dinge, die mit Absicht dort hinterlassen wurden.
Alle diese Dinge treten ständig mit uns in Dialog. Sie sind Träger von Informationen, die wir mit unserem Wissen, das auf Erfahrung beruht, interpretieren können – gemeinschaftliche Erfahrungen nennt man „Kultur“. Daraus leiten wir Handlungsoptionen ab und treffen zielgerichtete Entscheidungen. All das spielt sich überwiegend im Unbewussten ab. Wissenschaftler sprechen von wenigstens zehn Millionen Sinneseindrücken, die unser Gehirn pro Sekunde aufnimmt – nur vierzig davon können vom Bewusstsein gleichzeitig verarbeitet werden. Erst wenn wir vor komplexen, unerwarteten oder neuen Entscheidungen stehen wird das Bewusstsein aktiviert. Doch sind unsere Entscheidungen dadurch rational? In den seltensten Fällen stehen uns überhaupt die notwendigen Informationen für eine rationale Entscheidung zur Verfügung – wer kann schon die Konsequenz einer Handlung vorhersehen? Individuelle Motive, Prägungen und Werte bestimmen mit, ob uns ein Ziel erstrebenswert erscheint oder nicht. Und auch unser kreatives Denken nährt sich aus der, wiederum meist unbewussten Neuverknüpfung von bereits Gelerntem.

© Moritz Gersmann
Design Quotes 1 © Moritz Gersmann

Welche Rolle spielt dann das Bewusstsein? – Es gibt uns Sicherheit, indem es uns  vorgaukelt, wir hätten aus freiem Willen eine vernünftige Entscheidung getroffen, und uns die guten Gründe gleich mitliefert. Außerdem gibt es uns die Möglichkeit unsere Entscheidungen in Handlungen umzusetzen, Prozesse einzuleiten, Erfolg und Misserfolg zu bewerten und in unserem Erfahrungsschatz bereitzustellen.
Gefühl und Intuition haften, besonders im Geschäftsleben, der Ruf der Beliebigkeit, der Unzuverlässigkeit und des Risikos an. Eine Fehleinschätzung angesichts des komplexen und dynamischen Zusammenwirkens von individuellen biologischen, psychologischen, sozialen und kulturellen Faktoren. Erst seit der Einführung des Begriffs „Emotionale Intelligenz“ (1995) durch den Psychologen und Wirtschaftsjournalisten Daniel Goleman ändert sich bei einigen Entscheidern der Umgang mit dieser wichtigen Ressource.

© Alex Maciboba
Altäre © Alex Maciboba

Die Effizienz von Design, also der Gestaltung der Dinge die sich uns in den Weg stellen, misst sich daran, was es mit dem Menschen macht. Ob es zur Orientierung beiträgt, Informationen oder Werte vermittelt, Begehrlichkeit weckt – letztendlich Handlungen provoziert. Dem Gestalter muss es gelingen den Betrachter auf  der sinnlichen Ebene anzusprechen. Will er dessen gesamte, also auch die bewusste Aufmerksamkeit, erreicht er diese nur durch eine gekonnte Irritation.
Gute Designer verfügen daher neben ihren erforderlichen handwerklichen und technischen Fähigkeiten über ein hohes Maß an Intuition sowie sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Kompetenz. So gelingt ihnen die Gestaltung authentischer Objekte und Medien, die, mit den, ihnen anhaftenden Informationen, in den Fluss der Lebenswelt entlassen werden.

© Christine KortenKreative Räume © Christine Korten

Dort angekommen beginnt die Metamorphose dieser Artefakte (von lat.  arte ‚mit Kunst‘ und factum ‚das Gemachte‘). Sie treten in Interaktion mit ihrem Umfeld und zueinander; rivalisieren, verstärken oder schwächen sich gegenseitig. Die Empfänger (Verbraucher, Betrachter) nehmen sie in ihren Besitz, interpretieren, verändern und gruppieren sie neu. Sie sind letztlich die Designer, die, die Lebenswelt gestalten und so Kultur schaffen. Mit der Zeit verblassen die an der Oberfläche der Objekte haftenden Informationen, werden umgedeutet oder ersetzt, entweder durch ein sich verändertes Umfeld oder durch die Veränderung des Objekts selbst – aus einem Produkt, wird ein Gebrauchsgegenstand, wird Abfall. Manchmal werden einzelne Objekte aus diesem Strom gefischt und ihnen einen neue Funktion – und damit wiederum Information – zugewiesen. So sind z.B. Badewannen auf Viehweiden ihrer ursprünglichen Funktion enthoben – so reizvoll ein anderer Gedanke auch wäre; Hausfassaden werden zu Leinwänden, so mancher einfache Gebrauchsgegenstand wird zur Reliquie persönlicher Erinnerung.

Kitsch © Simon Thon
Kitsch © Simon Thon

Setzt sich ein Trend durch, wird er in den Kreislauf der Neuschöpfung übernommen.  Immer wieder kommt es leider auch vor, dass die Dinge die Menschen in Besitz nehmen, ihnen so Zeit und Identität rauben. Ob sich einschlägige Präsentationsprogramme, wie ein bunter Virus in Vorstandsetagen einschleichen, wo dann, nach oft stundenlanger Arbeit, Vorträge, die Ausschlag gebend sind für Entscheidungen über Arbeitsplätze oder beträchtliche Investitionen, von fliegenden Textzeilen, blinkenden Kugeln oder Urlaubsfotos begleitet werden. Oder junge Frauen zum Opfer viel zu enger, den Bühnen-Outfits ihrer Idole nachempfundenen Kleidungsstücke werden. Eines haben diese beiden Beispiele gemeinsam, wenn wir zulassen, dass Produkte oder Medien beginnen, sich nur noch selbst zu kommunizieren, werden die Informationen widersprüchlich, banal und emotionslos.

Me, myself & I © Kira Hagebeucker
Me, myself & I © Kira Hagebeucker

In diesem Magazin sind Beiträge gesammelt, in denen einige Designstudentinnen und -studenten bildhaft, kritisch kommentierend mit Aspekten ihrer Lebenswelten in Dialog treten.

Thomas Hilbig

Ideen machen.

Konzeption & Layout


Cover-Design [Design], © Andreas Voß, 3. Semester | http://www.andreasvoss.blogspot.com/

Wie wünsche ich mir eine Designerin, einen Designer?

Begeisterungsfähig, neugierig, kreativ, kritisch und verantwortungsbewusst.
Er muss ein denkender Mensch sein, die richtigen Fragen stellen. Er muss andererseits träumen können, spinnen, Visionen entwickeln.
Der Dialog gibt ihm die Möglichkeit zu reflektieren, hilft die eigene Arbeit in Frage zu stellen. Die Präsentation zwingt ihn, seine Arbeitsschritte zu dokumentieren und den eigenen Standpunkt zu argumentieren. Für das Studium bedeutet dies: Freiräume bereitstellen, Kooperationen suchen, Teamarbeit fördern und die Arbeit auch öffentlich präsentieren.


Cover-Design [Wirtschaft, Mode, Musik], © Andreas Voß, 3. Semester

Gestalterisch Sehen

… ist die erste Voraussetzung, der die Entdeckung grundlegender visueller Erfahrungen wie Figur und Grund, Schwerkraft, Richtung, Licht, Räumlichkeit/Ebenen, Symmetrie, senkrecht/waagerecht, optische Mitte, Ordnung, Synthese, sowie wichtiger Gestaltgesetze wie das Gesetz der Nähe, der Ähnlichkeit, der Geschlossenheit, der guten Form und der guten Fortsetzung folgen. Die Wirkung kann in einfachen Anwendungen erprobt werden. Dabei werden die grundlegenden Gestaltungselemente Linie, Fläche, Schrift, Bild und Schmuck eingeführt.
Im übertragenen Sinn bedeutet es die erweiterte, von gängigen Assoziations- und Wertemustern freie Sicht auf unsere Lebenswelt.

Design ist strategische Konzeption für Gestaltung

Es muss informieren und motivieren. Zuviel Information hilft bei Orientierungslosigkeit nicht weiter. Die Frage lautet also: Wie viel Information muss ich weglassen um zu vermitteln worauf es ankommt? – Damit der tatsächliche Sinn/Inhalt meiner Nachricht prägnant wird. Motivierend wirkt Design, wenn es einen Eindruck hinterlässt, also unmittelbar wahrgenommen und im Sinne des Absenders gewertet wird. Vorbilder und eigene Arbeiten werden kritisch analysiert und bewertet. Dies führt zu zielgerichteter Auswahl und Einsatz der Mittel.
Der Eindruck entsteht aus Wahrnehmung und Wertung durch den Betrachter. Folgt man den Konventionen gibt diese Vertrautheit dem Betrachter Sicherheit. Diese Sicherheit führt zu einem eher außerbewussten Registrieren. Ein bleibender Eindruck entsteht oft durch den »zweiten Blick« – provoziert durch eine gekonnt dosierte Diskrepanz, eine kleine Irritation. Diese kann zum Beispiel durch das Spiel mit den visuellen Erfahrungen oder die Anwendung konzeptioneller Mittel, wie unter anderen Übertreibung, Perspektivwechsel, Provokation oder Ironie erfolgen. Trainiert wird in kurzen Intervallen mit überschaubaren, überraschenden Aufgabenstellungen.

Anzeige, Motiv: Strumpfhosen, © Mara Albracht, Amke Kramer, Sarah Uklei, 3. Semester

Die Darstellung einer Idee ist immer auch Herstellung

Die Kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen der Realisation ermöglicht erst einen mediengerechten Entwurf. Denn am Ende dient der gesamte gestalterische Prozess doch dazu, nach allen Schwierigkeiten, Umwegen und Höhenflügen, ein neues Faktum der Welt der Fakten hinzuzufügen. Und dieses Faktum trägt die unverwechselbare Handschrift seines Gestalters.
Die/der Studierende hat wahrscheinlich nicht immer die Möglichkeit das von ihm entworfene Produkt/Medium irgendwann auch in Händen zu halten. Es sei denn, er stellt selbst ein Modell her, oder er sucht die Kooperation mit einer Institution oder einem Partner aus der Wirtschaft.

Kreativität und Innovation

Innovationen entstehen, wenn sich neue Lösungen in ihrem Umfeld bewähren.
Innovation ist zu einem entscheidenden Faktor, nicht nur in der Produktion von Gütern, sondern in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen geworden. Kreatives Denken und kreative Strategien sind die Grundlage für Innovationen. »Design-Denken« ist prozess- und anwendungsorientierte Kreativität. Es baut auf der Analyse und – unter Umständen vorläufigen – Definition eines Zieles auf und macht sich intuitive, systematische und heuristische Verfahren zunutze. Diese dienen zur Abstraktion und Umstrukturierung von Gelerntem mit dem Ziel, neue bisher unbekannte Lösungen zu generieren. Dieser Prozess verläuft selten linear.
Aufgrund ihrer Kompetenz können Designerinnen und Designer wertvolle Partner in interdisziplinären Teams in unterschiedlichen Bereichen werden. Voraussetzung hierfür ist jedoch die Fähigkeit sich und anderen die besonderen Eigenschaften dieses Prozesses zu erklären. Gezielte Angebote, die den »Blick über den Tellerrand« ermöglichen und Themenstellungen, die auch zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Phänomenen anregen sollen hier Katalysator sein.

Anzeige, Motiv: Strumpfhosen, © Gesa Dethlefs, Markus Gössling, Katrin Modrzik, Nina Vogel, Lena Zohren, 3. Semester

Gut ist das Gegenteil von gut gemeint
entdecken, sensibilisieren, erfahren, vergleichen

Gutes Design ist einfach
analysieren, bewerten, strukturieren

Der zweite Blick
Trainieren

Hand-werk
üben, vertiefen, experimentieren

Augenmensch
reflektieren, dokumentieren, argumentieren

Sticheleien

Kokolores


@ Daniela Brand

Hat Barack Obama den Nobelpreis (schon) verdient? Was ist Uran-Munition? Sind Energiesparlampen energiesparend? Warum darf man Klon-Kühe nicht essen, wohl aber Kälber von Klon-Kühen? Und welcher Zusammenhang besteht zwischen Kindesmissbrauch und Steuerhinterziehung? …

@ Daniela Brand

Aus tausenden Nadelstichen entstehen Bilder als wütende Kommentare zu Unsinn, Widersprüchen und Falschmeldungen des aktuellen Zeitgeschehens. Daniela Brands Diplomarbeit (April 2010) ist politisch, persönlich, parteiisch und direkt.

Danielas Blog: www.keinlogo.de

monospace

Inszenierte Typografie

Die Codes der Mafia sind das Thema der Diplomarbeit die Sebastian Kohtz im April präsentieren wird. Eine betagte Reiseschreibmaschine ist sein Werkzeug. Erst wenn die analoge Vorlage perfekt ist, wird sie zur weiteren Verarbeitung digitalisiert. Der semiotische Dreiklang von Zeichen, Symbol und Deutung schwingt in der grafischen, wie der inhaltlichen Ebene dieser atmosphärisch dichten Arbeit mit. Ein Mann in Zwiesprache mit seiner Schreibmaschine Rotwein, Pizza und viele lange Nächte …

Neugierig darf man auch auf eine weitere typografische Arbeit von Peter Böhm sein (Diplom im Sommer 2010), der dafür das Strömungsverhalten der Helvetica untersucht.

passio | Lebenswelt

© Britta Krämer
© Britta Krämer, Diplom 2009

Anorexia nervosa

Nachwort 1

Meine Vergangenheit ist für mich immer und überall präsent. Ich habe weitestgehend gelernt, damit umzugehen. Als ich aber merkte, dass mich das Durchlebte wieder intensiver beschäftigte und verfolgte, sich in einem Maß in den Vordergrund spielte, dass ich mich gelähmt und antriebslos fühlte, habe ich beschlossen, meine persönliche Geschichte zu erzählen.

Mir war wichtig, dass nicht eine Dokumentation über Anorexia nervosa im eigentlichen Sinne entsteht, sondern viel mehr möchte ich die Emotionen vermitteln und durch die intensiven Gefühlswelten führen, die sich während und mit dem Krankheitsverlauf entwickelt haben.

Schon in den ersten Wochen der Arbeit wurde mir bewusst, dass dies der richtige Weg sein sollte, meine Erlebnisse weiterzugeben. Schnell bemerkte ich eine Art der Erleichterung, konnte die Gedanken einfach loslassen und auf Papier bringen. Mein Kopf wurde klarer, ich fühlte mich nicht mehr dermaßen bedrängt.

Ohne die aufbauende Unterstützung, das stets offene Ohr und nicht zuletzt durch die fachliche Kompetenz meines Diplombetreuers Thomas Hilbig, der mich auf diesem Weg begleitet hat, hätte ich das Buch “passio” nie umsetzen können. Vielen Dank dafür.

Britta Krämer, im September 2009







© Britta Krämer, Diplom 2009

Nachwort 2

Auffällig viele „starke Frauen“ – dieser Terminus sei mir hier erlaubt – haben bereits früh eine Geschichte. Britta Krämer erzählt uns in diesem Buch ihre. Anorexia nervosa (Magersucht) zählt zu den psychischen Krankheiten mit der höchsten Sterberate. Britta Krämer war dem Tod so nahe, dass sie von sich selbst sagt: „…danach begann mein jetziges Leben.“ Sie beschreibt ihre frühe Jugend mit wenigen Worten und vielen eindringlichen, teils bedrückend dichten Bilder. – Immer wieder werden wir mit dem Abbild ihres ausgezehrten Körpers konfrontiert. – Doch es ist nicht Mitleid, was diese Bilder hervorrufen. Sie lassen uns teilhaben an einer Katharsis; der rückblickenden Konfrontation mit diesem Lebensabschnitt. Die, wie von innen an eine Membran projizierte Bilder geben uns einen Eindruck vom Seelenleben dieser jungen Frau.

„Jetzt is’ auch gut!“ sagt sie befreit zum Abschluss ihrer Arbeit und steht zu diesem Teil ihrer Persönlichkeit. Den Betrachter lässt sie betroffen zurück. Mit einem unbestimmten, weil fremden, empathischen Gefühl; aber jenseits der den Betroffenen nicht gerecht werdenden moralisch gefärbten Diskussion über falsche Leitbilder.

Thomas Hilbig, Ruhrakademie, 2009

Stress | Lebenswelt


© Kirsten Tetzlaff, Diplom 2009

Warum der Begriff „Stress” so gefährlich ist.
Ein Vorwort von Jo Schneider (www.maennerfantasie.de)

Als Christoph Martin Wieland 1752 der Welt beschied, jede Sprache sei „der Organisation. der Lage, dem Genie und Charakter der Nation, von welcher sie gebildet worden ist, angemessen”, traf er sprachphilosophisch ins Schwarze. Sprache und Menlalilät, „Charakter”, wurden in ein RückkopplungsverhäItnis gesetzt. Die Einzigartigkeit der Sprache belegte die Einzigartigkeit der Kultur, die damals noch „Nation” hieß, Die Übersetzungswissenschaften beschäftigt da, bis heute, speziell, wenn es für eine bestimmte Formel in der Zielsprache keine Entsprechung gibt: Wie will man etwa „Guten Appetit” ins Englische übersetzen? Good appetite? No thanks!

Im Kulturtransfer durch Übersetzung sind semantische Unschärfen nach wie vor ein Problem - und wenn es zum „Charakter” einer Nation gehört, laufend Begriffe aus einem anderen Sprach- und Kulturkreis zu entlehnen, ist das Chaos nahezu perfekt. Besser wird es eigentlich nur noch, wenn der Begriff innerhalb des Sprachkreises aus dem er kommt selbst wiederum aus einer bestimmten Terminologie in eine andere entlehnt worden ist - etwa aus der Physik in die Psychologie. Völlig verrückt wird es, wenn der Initiator der Entlehnung in diesem Sprachkreis aus dem Sprachkreis kommt, in dem das betreffende Wort hinterher.,. aber der Reihe nach!

Der Übersetzer, der in einem englischen Text das Nomen „stress” vorfindet, gerät an den Rand des Wahnsinns, Wie soll er das denn nun übersetzen? Als „Belastung” oder ,,Anstrengung”, wie es das Wörterbuch vorschlägt? Dann fehlen die Dimensionen von „Akzent” und „Betonung” die - auch darüber gibt das Wörterbuch dürr Auskunft - im englischen „stress” mitschwingen. Oder das Wort einfach stehen lassen, aus dem kleinen englischen „stress” einen großen deutschen „Stress” machen? Dann wird der Stress übertrieben. aus einer ganz normalen Befindlichkeit wird ein Signal, denn genau darum wird ja aus anderen Sprachen entlehnt, um Sachverhalte in der eigenen Sprache besser pointieren zu können. In seinem neuen sprachlichen Umfeld ist der deutsche „Stress” mehr, als ein englischer „stress” je sein könnte.

Als der österreichischstämmige Mediziner Hans Selye 1936 in Montreal den englischen Begriff „stress” aus der Physik entlehnte, ahnte er wohl nicht, was er seiner Herkunftssprache und mithin auch seiner Herkunftskultur damit antat: Sie hatte mit dem englischsprachigen physikalischen Terminus plötzlich ein Wort, das weit über ihre bisherigen Begriffe von Belastung und Beanspruchung hinausging: „Stress” verband die Anstrengung, die Arbeit und Konzentration bedeuten, direkt mit der Modellierung des Körpers und der Psyche. Das gilt  schon in der Ursprungsterminologie, in der Physik: Auf dem Material, das „gestresst” wird, bildet sich der Stress ab. Im Gegensalz zur „Belastung” wird das Material beim „Stress” geformt. und nicht einfach nur verschlissen. Hier liegt das Geheimnis von „Stress”: „Stress” kann positiv sein!

Was man mit „Stress” nicht nur sprachlich, sondern auch gesellschaftlich alles machen kann, lässt sich an einem populären Satz zeigen: „Ich hatte in letzter Zeit echt viel Stress, aber positiven Stress!” So etwas sagen Mediendesigner aus dem Prenzlauer Berg, es ist ein Satz, der zu den projektbezogenen Kreativarbeitern der Jetztzeit passt wie ihre Umhängetaschen aus LKW-Plane. Der Stress ist hier - wie schon in seiner physikalischen Ursprungsbedeutung die pointierte Belastung: Etwas drückt gewaltig auf den Körper, bzw. die Psyche, und der/die verformt sich zeitweise und an bestimmten Stellen. Stress ist damit etwas anderes als die kontinuierliche Auslaugung etwa der Fabrikarbeiter. Stress verändert, ohne zu verschlechtern. Dieses Alleinstellungsmerkmal wird besonders deutlich, wenn man die Gegenprobe macht: „Ich hatte in letzter Zeit echt viel Belastung, aber positive Belastung!”

Wer „positive Belastung” sagt, braucht dringend einen Therapeuten, eine Domina oder beides. „Ich hatte in letzter Zeit viel Anstrengung, aber positive Anstrengung!” Das ist etwas besser, aber hier würde jeder Chef der Welt fragen, ob’s mit der Anstrengung nicht gereicht habe. Offensichtlich sei man ja noch… Merke: Anstrengung ist nicht positiv! Und das ist das entscheidende Problem: Das Fremdwort „Stress”, so aggressiv es auch klingt, verharmlost die Arbeit! Es hat keine negative Vergangenheit. Niemand kennt Geschichten davon, dass Bergleute oder Stahlkocher unter „Stress” zusammengebrochen wären - höchstens ein paar esoterisch angehauchte Hauptschullehrerinnen Mitte der 1970er, Weicheier allein von Berufs wegen.

„Belastung” und „Anstrengung” klingen da anders, sie haben Vorgeschichte - und sie sind ehrlich. Dass Arbeit kein Spaß ist (sondern Arbeit), kann man im Zeitalter des „Stress” kaum mehr vermitteln. Dass Zehntausende sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und sich dabei nicht etwa gnadenlos verarscht, sondern „arm, aber sexy” fühlen (müssen),  hat auch mit der „Stress”-Bedeutung zu tun. Eigentlich wäre statt tapferem Grinsen längst Revolution angesagt, aber die ist mit „Stress” nicht zu machen. Wer gibt schon gerne zu, dass er mit „Stress” nicht umgehen kann?

„Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt - Stress”: wird „Stress”-Erfinder Hans SeIye an verschiedenen Stellen zitiert. In der griechischen Mythologie sind es die Danaer, die mit einem zweifelhaften Geschenk Unheil über die Stadt Troja bringen. Selyes „Stress” ist ein Danaergeschenk für die Sprachen der Welt. Und für die, die sie sprechen.

Schimpf | Moral


© Katharina Duda
© Katharina Duda, Diplom 2009

Aaschkrüffer

Katharina Duda hat die Un-worte gesammelt die in kaum einem Wörterbuch zu finden sind. Im bairischen, berlinerischen, rheinländischen und sächsischen Sprachraum sammelte sie Schimpfwörter und fasste sie in einem liebenwürdigen, kleinem Buch zusammen, das dem Betrachter so Einblick in den Charakter und Sprachwitz der Dialekte gewährt.



© Katharina Duda

Ergänzt wird das Buch durch zwei “Lern-CDs” auf denen die Begriffe von “Muttersprachlern” vorgestellt und sachlich übersetzt werden.

>> Hörbeispiel bayerisch
>> Hörbeispiel berlinerisch
>> Hörbeispiel sächsisch
>> Hörbeispiel rheinländisch

Mission State


Dank an Ando, die dieses Plakat “gepostet” hat

Mc Donald feiert den 60. Jahrestag der VR China. Diese Werbung der amerikanischen Fast-Food-Kette hätte gut in die Reihe der “Staatsentwürfe” des Kurses Konzeption und Layout gepasst – doch es waren fiktive Entwürfe gefordert…

Auszüge:

Ostdeutsche Republik


© Phillip Jadke

“Nach jahrelangen Aufständen, Protesten und steigender Unzufriedenheit ehemaliger DDR-Bürger, beschloss man 10 Jahre nach dem Mauerfall, die ehemaligen Grenzen wieder herzustellen.
Die Ostdeutsche Republik war geboren. Arbeit, Gleichheit und Zufriedenheit. alles wie früher.”

aitatia



© Annika Köster

Der Staat “aitatia” hat die Ursache alle Probleme beseitigt – die menschliche Emotion.

Teile der Arbeit sind u.a. eine Hymne und ein vom  Ambigram des Staatsnamens  abgeleitetes Alphabet, das ausschließlich auf der Quadratform aufbaut.

>> Zur Website von aitatia

Puritania




© Moritz Gersmann

Asiatisch-muslimische Republik


© Phibie Draeger


Blutgruppe | Gemeinwohl



© Sylvia Nitsch und Nicole Schmidtke, Diplom 2009 [Diplombetreuer: Thomas Hilbig]

Ein Plakat fürs eigene Blut

Der Demografische Wandel, die heutige Sicherheit der Blutkonserven, der Fortschritt der Medizin und ein verändertes Spendeverhalten führen heute zu einem Versorgungsengpass mit Blutpräparaten.

In unserer Kampagne sollen die Nachwuchsspender, also die 18-25 jährigen, generationstypisch angesprochen und zur Blutspende motiviert werden. Die Kampagne soll auf die Notwendigkeit einer gröfleren Spendenbereitschaft aufmerksam machen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Thema Blut uns alle etwas angeht.

Für viele junge Leute ist ein Mettbrötchen als Dankeschön aber nur mäflig attraktiv.
Ein eigenes Plakat? Schon eher.

Wir kreierten eine fiktive Kampagne für das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Wer Blut spendet geht, hat die Möglichkeit sich als Fotomodell auf einem Groflflächenplakat wiederzufinden. Die Idee dabei ist, den Kult der Selbstdarstellung zu unterstützen. Das Besondere: Die Fotos hat kein Profi-Fotograf gemacht. Es sind Privataufnahmen, die eine bessere Identifikation mit den dargestellten Personen ermöglichen.

www.blutspende.cc [Link führt auf ein Demo. Anm. admin] steht neben den Motiven. In dieser Community hat jedes Mitglied die Möglichkeit, sich ein persönliches und individuelles Profil zu erstellen, Fotos hochzuladen und sich mit Freunden zu vernetzen. Vorstellbar sei dann zum Beispiel auch ein monatlicher Wettbewerb: Die fünf besten Motive des Monats werden gewählt und anschlieflend als Plakat gedruckt.

Nicole Schmidtke

Presse:

Ruhrnachrichten, 20. Februar 2009

Leviathan | Staatswesen



© Fabian Hüttenhoff, Diplom 2009 [Diplombetreuer: Thomas Hilbig, Dr. Andreas Zeising ]

Vorwort von Boris Teskow

Als hätte man an meinem Sarg gerüttelt stach mich ein gellender Schmerz in meinen Synapsen. Die Grundfeste des Neokapitalismus schienen jenes Wackeln zu verursachen, das ich selbst in meinem Grab wahrnehmen konnte. Ich erwachte alsbald aus meiner posthumen Lethargie um nach den Ursachen dieses Aufstandes zu suchen. Mein Geist war Eingangs noch zu geschwächt von den Ereignissen jener Prager Nacht, und so rechnete ich mit einer fiebrigen Geistesgeburt von Karl Marx.

Zu meiner willkommensten Überraschung und Zufriedenheit las ich diesen Namen nicht auf dem Titel der Veröffentlichung, die ich schnell als das Übel jenen Aufruhrs wahrnahm. Nun, da meine Neugier geweckt war, blätterte und inspizierte ich den mir vorliegenden Frevel. Seite um Bild warfen sich meinem Gewissen entgegen, und ein Feuerwerk der Bosheit sprang mich aus diesen an! Wie konnte das passieren?

In einer Zeit, da sich die törichten Despoten des Kapitalismus selbst in Kredite stürzen schlägt der „Leviathan“ von Fabian Hüttenhoff mit einer kupfernen Zitrone in die offene Wunde. Wobei seinerseitens nicht von einer Wunde sondern einem eitrigen Geschwür die
Rede ist!

Was ich hier vor mir sehe ist eine Modifikation der Politikgeschichte zu einer Tabula Rasa. Den kapitalistischen Systemen, seien sie des demokratischen oder faschistischen Ursprungs, werden gleich einem Oxymoron der Scheinheiligkeit entlarvt.

Sollten die Scheindemokratien sich nicht von selber aufgelöst haben, wäre diese Diplomarbeit ein Kochbuch der Revolution, ein Ratatouille des Widerstandes, ein Cocktail der Hoffnung.

Noch vor seinem hundertstem Jubiläum stirbt an dieser Stelle die goldene Ära des Neo-Kapitalismus, und prophezeit ein Zeitalter des Neo-Depotismus. Möge es sein. Ich muss an dieser Stelle meinen Irrtum einräumen, und widerrufe fortan meine Thesen zum Neo-Kapitalismus, bis auf jene Stellen in denen Karl Marx beleidigt wird

Boris Teskow (*1863 †1934), gilt als Gründervater des Neokapitalismus, schrieb zahlreiche Werke zu diesem Thema und bezeichnete Karl Marx als einen „kakerlakengleichen Wicht, der grade genügend Größe besitzt um unter meinem Schuh lautstark zu knirschen“.