Archive for the ‘Diplome’ Category

Sticheleien

Kokolores


@ Daniela Brand

Hat Barack Obama den Nobelpreis (schon) verdient? Was ist Uran-Munition? Sind Energiesparlampen energiesparend? Warum darf man Klon-Kühe nicht essen, wohl aber Kälber von Klon-Kühen? Und welcher Zusammenhang besteht zwischen Kindesmissbrauch und Steuerhinterziehung? …

@ Daniela Brand

Aus tausenden Nadelstichen entstehen Bilder als wütende Kommentare zu Unsinn, Widersprüchen und Falschmeldungen des aktuellen Zeitgeschehens. Daniela Brands Diplomarbeit (April 2010) ist politisch, persönlich, parteiisch und direkt.

Danielas Blog: www.keinlogo.de

monospace

Inszenierte Typografie

Die Codes der Mafia sind das Thema der Diplomarbeit die Sebastian Kohtz im April präsentieren wird. Eine betagte Reiseschreibmaschine ist sein Werkzeug. Erst wenn die analoge Vorlage perfekt ist, wird sie zur weiteren Verarbeitung digitalisiert. Der semiotische Dreiklang von Zeichen, Symbol und Deutung schwingt in der grafischen, wie der inhaltlichen Ebene dieser atmosphärisch dichten Arbeit mit. Ein Mann in Zwiesprache mit seiner Schreibmaschine Rotwein, Pizza und viele lange Nächte …

Neugierig darf man auch auf eine weitere typografische Arbeit von Peter Böhm sein (Diplom im Sommer 2010), der dafür das Strömungsverhalten der Helvetica untersucht.

passio | Lebenswelt

© Britta Krämer
© Britta Krämer, Diplom 2009

Anorexia nervosa

Nachwort 1

Meine Vergangenheit ist für mich immer und überall präsent. Ich habe weitestgehend gelernt, damit umzugehen. Als ich aber merkte, dass mich das Durchlebte wieder intensiver beschäftigte und verfolgte, sich in einem Maß in den Vordergrund spielte, dass ich mich gelähmt und antriebslos fühlte, habe ich beschlossen, meine persönliche Geschichte zu erzählen.

Mir war wichtig, dass nicht eine Dokumentation über Anorexia nervosa im eigentlichen Sinne entsteht, sondern viel mehr möchte ich die Emotionen vermitteln und durch die intensiven Gefühlswelten führen, die sich während und mit dem Krankheitsverlauf entwickelt haben.

Schon in den ersten Wochen der Arbeit wurde mir bewusst, dass dies der richtige Weg sein sollte, meine Erlebnisse weiterzugeben. Schnell bemerkte ich eine Art der Erleichterung, konnte die Gedanken einfach loslassen und auf Papier bringen. Mein Kopf wurde klarer, ich fühlte mich nicht mehr dermaßen bedrängt.

Ohne die aufbauende Unterstützung, das stets offene Ohr und nicht zuletzt durch die fachliche Kompetenz meines Diplombetreuers Thomas Hilbig, der mich auf diesem Weg begleitet hat, hätte ich das Buch “passio” nie umsetzen können. Vielen Dank dafür.

Britta Krämer, im September 2009







© Britta Krämer, Diplom 2009

Nachwort 2

Auffällig viele „starke Frauen“ – dieser Terminus sei mir hier erlaubt – haben bereits früh eine Geschichte. Britta Krämer erzählt uns in diesem Buch ihre. Anorexia nervosa (Magersucht) zählt zu den psychischen Krankheiten mit der höchsten Sterberate. Britta Krämer war dem Tod so nahe, dass sie von sich selbst sagt: „…danach begann mein jetziges Leben.“ Sie beschreibt ihre frühe Jugend mit wenigen Worten und vielen eindringlichen, teils bedrückend dichten Bilder. – Immer wieder werden wir mit dem Abbild ihres ausgezehrten Körpers konfrontiert. – Doch es ist nicht Mitleid, was diese Bilder hervorrufen. Sie lassen uns teilhaben an einer Katharsis; der rückblickenden Konfrontation mit diesem Lebensabschnitt. Die, wie von innen an eine Membran projizierte Bilder geben uns einen Eindruck vom Seelenleben dieser jungen Frau.

„Jetzt is’ auch gut!“ sagt sie befreit zum Abschluss ihrer Arbeit und steht zu diesem Teil ihrer Persönlichkeit. Den Betrachter lässt sie betroffen zurück. Mit einem unbestimmten, weil fremden, empathischen Gefühl; aber jenseits der den Betroffenen nicht gerecht werdenden moralisch gefärbten Diskussion über falsche Leitbilder.

Thomas Hilbig, Ruhrakademie, 2009

Stress | Lebenswelt


© Kirsten Tetzlaff, Diplom 2009

Warum der Begriff „Stress” so gefährlich ist.
Ein Vorwort von Jo Schneider (www.maennerfantasie.de)

Als Christoph Martin Wieland 1752 der Welt beschied, jede Sprache sei „der Organisation. der Lage, dem Genie und Charakter der Nation, von welcher sie gebildet worden ist, angemessen”, traf er sprachphilosophisch ins Schwarze. Sprache und Menlalilät, „Charakter”, wurden in ein RückkopplungsverhäItnis gesetzt. Die Einzigartigkeit der Sprache belegte die Einzigartigkeit der Kultur, die damals noch „Nation” hieß, Die Übersetzungswissenschaften beschäftigt da, bis heute, speziell, wenn es für eine bestimmte Formel in der Zielsprache keine Entsprechung gibt: Wie will man etwa „Guten Appetit” ins Englische übersetzen? Good appetite? No thanks!

Im Kulturtransfer durch Übersetzung sind semantische Unschärfen nach wie vor ein Problem - und wenn es zum „Charakter” einer Nation gehört, laufend Begriffe aus einem anderen Sprach- und Kulturkreis zu entlehnen, ist das Chaos nahezu perfekt. Besser wird es eigentlich nur noch, wenn der Begriff innerhalb des Sprachkreises aus dem er kommt selbst wiederum aus einer bestimmten Terminologie in eine andere entlehnt worden ist - etwa aus der Physik in die Psychologie. Völlig verrückt wird es, wenn der Initiator der Entlehnung in diesem Sprachkreis aus dem Sprachkreis kommt, in dem das betreffende Wort hinterher.,. aber der Reihe nach!

Der Übersetzer, der in einem englischen Text das Nomen „stress” vorfindet, gerät an den Rand des Wahnsinns, Wie soll er das denn nun übersetzen? Als „Belastung” oder ,,Anstrengung”, wie es das Wörterbuch vorschlägt? Dann fehlen die Dimensionen von „Akzent” und „Betonung” die - auch darüber gibt das Wörterbuch dürr Auskunft - im englischen „stress” mitschwingen. Oder das Wort einfach stehen lassen, aus dem kleinen englischen „stress” einen großen deutschen „Stress” machen? Dann wird der Stress übertrieben. aus einer ganz normalen Befindlichkeit wird ein Signal, denn genau darum wird ja aus anderen Sprachen entlehnt, um Sachverhalte in der eigenen Sprache besser pointieren zu können. In seinem neuen sprachlichen Umfeld ist der deutsche „Stress” mehr, als ein englischer „stress” je sein könnte.

Als der österreichischstämmige Mediziner Hans Selye 1936 in Montreal den englischen Begriff „stress” aus der Physik entlehnte, ahnte er wohl nicht, was er seiner Herkunftssprache und mithin auch seiner Herkunftskultur damit antat: Sie hatte mit dem englischsprachigen physikalischen Terminus plötzlich ein Wort, das weit über ihre bisherigen Begriffe von Belastung und Beanspruchung hinausging: „Stress” verband die Anstrengung, die Arbeit und Konzentration bedeuten, direkt mit der Modellierung des Körpers und der Psyche. Das gilt  schon in der Ursprungsterminologie, in der Physik: Auf dem Material, das „gestresst” wird, bildet sich der Stress ab. Im Gegensalz zur „Belastung” wird das Material beim „Stress” geformt. und nicht einfach nur verschlissen. Hier liegt das Geheimnis von „Stress”: „Stress” kann positiv sein!

Was man mit „Stress” nicht nur sprachlich, sondern auch gesellschaftlich alles machen kann, lässt sich an einem populären Satz zeigen: „Ich hatte in letzter Zeit echt viel Stress, aber positiven Stress!” So etwas sagen Mediendesigner aus dem Prenzlauer Berg, es ist ein Satz, der zu den projektbezogenen Kreativarbeitern der Jetztzeit passt wie ihre Umhängetaschen aus LKW-Plane. Der Stress ist hier - wie schon in seiner physikalischen Ursprungsbedeutung die pointierte Belastung: Etwas drückt gewaltig auf den Körper, bzw. die Psyche, und der/die verformt sich zeitweise und an bestimmten Stellen. Stress ist damit etwas anderes als die kontinuierliche Auslaugung etwa der Fabrikarbeiter. Stress verändert, ohne zu verschlechtern. Dieses Alleinstellungsmerkmal wird besonders deutlich, wenn man die Gegenprobe macht: „Ich hatte in letzter Zeit echt viel Belastung, aber positive Belastung!”

Wer „positive Belastung” sagt, braucht dringend einen Therapeuten, eine Domina oder beides. „Ich hatte in letzter Zeit viel Anstrengung, aber positive Anstrengung!” Das ist etwas besser, aber hier würde jeder Chef der Welt fragen, ob’s mit der Anstrengung nicht gereicht habe. Offensichtlich sei man ja noch… Merke: Anstrengung ist nicht positiv! Und das ist das entscheidende Problem: Das Fremdwort „Stress”, so aggressiv es auch klingt, verharmlost die Arbeit! Es hat keine negative Vergangenheit. Niemand kennt Geschichten davon, dass Bergleute oder Stahlkocher unter „Stress” zusammengebrochen wären - höchstens ein paar esoterisch angehauchte Hauptschullehrerinnen Mitte der 1970er, Weicheier allein von Berufs wegen.

„Belastung” und „Anstrengung” klingen da anders, sie haben Vorgeschichte - und sie sind ehrlich. Dass Arbeit kein Spaß ist (sondern Arbeit), kann man im Zeitalter des „Stress” kaum mehr vermitteln. Dass Zehntausende sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und sich dabei nicht etwa gnadenlos verarscht, sondern „arm, aber sexy” fühlen (müssen),  hat auch mit der „Stress”-Bedeutung zu tun. Eigentlich wäre statt tapferem Grinsen längst Revolution angesagt, aber die ist mit „Stress” nicht zu machen. Wer gibt schon gerne zu, dass er mit „Stress” nicht umgehen kann?

„Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt - Stress”: wird „Stress”-Erfinder Hans SeIye an verschiedenen Stellen zitiert. In der griechischen Mythologie sind es die Danaer, die mit einem zweifelhaften Geschenk Unheil über die Stadt Troja bringen. Selyes „Stress” ist ein Danaergeschenk für die Sprachen der Welt. Und für die, die sie sprechen.

Schimpf | Moral


© Katharina Duda
© Katharina Duda, Diplom 2009

Aaschkrüffer

Katharina Duda hat die Un-worte gesammelt die in kaum einem Wörterbuch zu finden sind. Im bairischen, berlinerischen, rheinländischen und sächsischen Sprachraum sammelte sie Schimpfwörter und fasste sie in einem liebenwürdigen, kleinem Buch zusammen, das dem Betrachter so Einblick in den Charakter und Sprachwitz der Dialekte gewährt.



© Katharina Duda

Ergänzt wird das Buch durch zwei “Lern-CDs” auf denen die Begriffe von “Muttersprachlern” vorgestellt und sachlich übersetzt werden.

>> Hörbeispiel bayerisch
>> Hörbeispiel berlinerisch
>> Hörbeispiel sächsisch
>> Hörbeispiel rheinländisch

Blutgruppe | Gemeinwohl



© Sylvia Nitsch und Nicole Schmidtke, Diplom 2009 [Diplombetreuer: Thomas Hilbig]

Ein Plakat fürs eigene Blut

Der Demografische Wandel, die heutige Sicherheit der Blutkonserven, der Fortschritt der Medizin und ein verändertes Spendeverhalten führen heute zu einem Versorgungsengpass mit Blutpräparaten.

In unserer Kampagne sollen die Nachwuchsspender, also die 18-25 jährigen, generationstypisch angesprochen und zur Blutspende motiviert werden. Die Kampagne soll auf die Notwendigkeit einer gröfleren Spendenbereitschaft aufmerksam machen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Thema Blut uns alle etwas angeht.

Für viele junge Leute ist ein Mettbrötchen als Dankeschön aber nur mäflig attraktiv.
Ein eigenes Plakat? Schon eher.

Wir kreierten eine fiktive Kampagne für das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Wer Blut spendet geht, hat die Möglichkeit sich als Fotomodell auf einem Groflflächenplakat wiederzufinden. Die Idee dabei ist, den Kult der Selbstdarstellung zu unterstützen. Das Besondere: Die Fotos hat kein Profi-Fotograf gemacht. Es sind Privataufnahmen, die eine bessere Identifikation mit den dargestellten Personen ermöglichen.

www.blutspende.cc [Link führt auf ein Demo. Anm. admin] steht neben den Motiven. In dieser Community hat jedes Mitglied die Möglichkeit, sich ein persönliches und individuelles Profil zu erstellen, Fotos hochzuladen und sich mit Freunden zu vernetzen. Vorstellbar sei dann zum Beispiel auch ein monatlicher Wettbewerb: Die fünf besten Motive des Monats werden gewählt und anschlieflend als Plakat gedruckt.

Nicole Schmidtke

Presse:

Ruhrnachrichten, 20. Februar 2009

Leviathan | Staatswesen



© Fabian Hüttenhoff, Diplom 2009 [Diplombetreuer: Thomas Hilbig, Dr. Andreas Zeising ]

Vorwort von Boris Teskow

Als hätte man an meinem Sarg gerüttelt stach mich ein gellender Schmerz in meinen Synapsen. Die Grundfeste des Neokapitalismus schienen jenes Wackeln zu verursachen, das ich selbst in meinem Grab wahrnehmen konnte. Ich erwachte alsbald aus meiner posthumen Lethargie um nach den Ursachen dieses Aufstandes zu suchen. Mein Geist war Eingangs noch zu geschwächt von den Ereignissen jener Prager Nacht, und so rechnete ich mit einer fiebrigen Geistesgeburt von Karl Marx.

Zu meiner willkommensten Überraschung und Zufriedenheit las ich diesen Namen nicht auf dem Titel der Veröffentlichung, die ich schnell als das Übel jenen Aufruhrs wahrnahm. Nun, da meine Neugier geweckt war, blätterte und inspizierte ich den mir vorliegenden Frevel. Seite um Bild warfen sich meinem Gewissen entgegen, und ein Feuerwerk der Bosheit sprang mich aus diesen an! Wie konnte das passieren?

In einer Zeit, da sich die törichten Despoten des Kapitalismus selbst in Kredite stürzen schlägt der „Leviathan“ von Fabian Hüttenhoff mit einer kupfernen Zitrone in die offene Wunde. Wobei seinerseitens nicht von einer Wunde sondern einem eitrigen Geschwür die
Rede ist!

Was ich hier vor mir sehe ist eine Modifikation der Politikgeschichte zu einer Tabula Rasa. Den kapitalistischen Systemen, seien sie des demokratischen oder faschistischen Ursprungs, werden gleich einem Oxymoron der Scheinheiligkeit entlarvt.

Sollten die Scheindemokratien sich nicht von selber aufgelöst haben, wäre diese Diplomarbeit ein Kochbuch der Revolution, ein Ratatouille des Widerstandes, ein Cocktail der Hoffnung.

Noch vor seinem hundertstem Jubiläum stirbt an dieser Stelle die goldene Ära des Neo-Kapitalismus, und prophezeit ein Zeitalter des Neo-Depotismus. Möge es sein. Ich muss an dieser Stelle meinen Irrtum einräumen, und widerrufe fortan meine Thesen zum Neo-Kapitalismus, bis auf jene Stellen in denen Karl Marx beleidigt wird

Boris Teskow (*1863 †1934), gilt als Gründervater des Neokapitalismus, schrieb zahlreiche Werke zu diesem Thema und bezeichnete Karl Marx als einen „kakerlakengleichen Wicht, der grade genügend Größe besitzt um unter meinem Schuh lautstark zu knirschen“.


Erdbeermund | Gender



© Nadine Batze, Diplom 2009 [Diplombetreuer: Detlef Bach, Thomas Hilbig]

Dildos für eine Diplomarbeit zu entwerfen – das ist mal was anderes. Da bekommt man natürlich viele Fragen gestellt: Warum machst du das? Wie kommt man auf so ein Thema? Meinst du, dass das gut ankommt? Mit so was kann man ein Diplom machen?

Jawohl, das kann man.

Und wie kommt man nun auf „so ein“ Thema und warum macht man „so was“?

Vielleicht weil man sich sicher ist, dass es jenseits der “Pussy To Go”, Johnny Two Hands“, “Prince of Namibia”, „Raging Hard ONS 7 Inch“, dem Dildo “Bumsklumpen” oder “Moby’s Dick” noch etwas “Nettes” für die Frau gibt. Der niedliche Maulwurf oder die entzückende Raupe streben zwar schon eine andere Richtung an, allerdings befürchte ich, dass demnächst das zuckersüße Küken „Quacki Quak“ kommt (besonders flauschig und extra niedlich).

„Ist dir das nicht peinlich?“

Neben dem schrecklichen Design mancher Toys bin ich während meiner Arbeit mit so mancher Moralvorstellung zusammengestoßen. Und zwar lautet die dazu passende Frage: „Ist dir das nicht peinlich?“ Nein, was denn? Dass ich “so ein” Thema anpacke? Dass ich über “so ein” Thema rede ohne rot zu werden? Dass ich Wörter benutze wie “Dildos”, “Selbstbefriedigung”, “Masturbation” und “Lust” - und das ausgerechnet in meiner Diplomarbeit? Aber: Warum sich schämen? Selbstbefriedigung ist doch was Nettes – Beate Uhse & Co jedenfalls scheinen nicht unter der Wirtschaftskrise zu leiden. Warum also sollte man nicht über eine Tätigkeit reden können, der offensichtlich eine beträchtliche Anzahl an Menschen nach gehen und sich dazu diverser Hilfsmittel bedienen? Während des Geschichtsverlaufs wurde die menschliche Sexualität Jahrhunderte lang unterdrückt. Da Masturbation nicht zur Fortpflanzung des Menschen beiträgt, wurde sie in den christlich geprägten Ländern bei Strafe verboten – alles, was mit Lust oder Lustgewinn zu tun hatte war eine Sünde.  Was bei den Griechen ganz normal war, begann ca. im 4. JH n. Chr. in der westlichen Welt zu einer „Krankheit“ zu werden, welche einer Behandlung bedarf. Wen wundert es da, dass die Menschen heute zwar offener über Sex reden können, aber Selbstbefriedigung ein fortwährendes Tabu bleibt – man macht es nicht, man hat es nicht nötig, oder man empfindet es als etwas Schmutziges.

So stellte ich mir die Aufgabe Dildos zu entwerfen, die einerseits einer Frau rein ästhetisch und anatomisch gefallen und „gut passen“ würden. Andererseits wollte ich die verzerrte Moralvorstellung unserer Zeit persiflieren: Alles ist versext und in kaum einer Werbung kommt man an nackten Tatsachen oder Anspielungen vorbei. Sex sells – sowohl in der Werbung, als auch privat. Viele brüsten sich mit ihren „Abenteuern“, würden aber nie zugeben, dass sie sich selbst befriedigen.

Unter diesen Gesichtspunkten ist die Marke „Erdbeermund“ entstanden. Sie soll Selbstbefriedigung als etwas Schönes und Normales darstellen, welches einfach zum Leben der meisten dazugehört. „Erdbeermund“ steht für Erotik, Verführung und Lust – aber auf eine humor- und niveauvolle Weise. Die Dildos sind anatomisch angepasst und sehr dekorativ. So kann man die Spielzeuge auch einfach mal herumliegen lassen, ohne dass jemand denkt „Oh Schreck, da hat jemand seinen Penis vergessen!“ Das einzige Problem, das Frau bei diesen Dildos hat, ist welcher zu den Vorhängen oder zum Sofa passt…

Eine kleine Anmerkung zum Schluss: „Wie benutzt man denn so was?“

Auf Grund der außergewöhnlichen Formen und Farben sind die Spielzeuge nicht sofort als Dildos zu erkennen. Aber dennoch wird keine Gebrauchsanweisung beigelegt. Schließlich gibt es kein Patentrezept dafür, wie welche Frau mit diesem oder jenem Dildo am besten hantieren sollte, damit es ihr Lust verschafft. Es gilt ganz einfach ausprobieren, herumexperimentieren und genießen – Frau wird schon herausfinden wie rum und worin man diese Spielzeuge benutzt.

Nadine Batze

Presse:

Ruhrnachrichten, 7. April 2009

Zan | Interkulturell | Gender



© Peymaneh Luckow, Diplom 2008 [Diplombetreuer: Thomas Hilbig, Kurt Schrage, Prof. Jürgen Störr]

Links:
Peymaneh Luckow mit 2 iF Awards ausgezeichnet

Peymanehs Homepage


Interview im SLANTED

Xenos | Integration


© Arne Kampwerth, Diplom 2008 [Diplombetreuer: Thomas Hilbig]

Arne Kampwerth näherte sich seinem Thema von zwei Seiten. Als Redakteur forschte er nach Quellen und führte zahlreiche Interviews mit Weltreisenden, Entwicklungshelfern oder Migranten. Den so entstandenen Texten stellte er eindringliche Bilder gegenüber und bediente sich dabei ganz unterschiedlicher Techniken. Das Repertoire reicht von der Illustration, über die Collage und die digitale Bildkomposition bis zur Fotografie. Nach einem Interview, das er mit einem afrikanischen Migranten geführt hatte, reiste er mit zwei präparierten Löwen quer durch die Republik, um die irritierenden Fotos zu machen, die seine Eindrücke aus dieser Begegnung wiederspiegeln…

»Wenn etwas sehr anders ist als das, was wir als „selbstverständlich“ ansehen, vielleicht dann sogar fremd ist, neigen einige Menschen dazu, es einfach „abzustempeln“ – Klischees, Stereotypen und Vorurteile können dann auftreten. Das was dann fremd ist, wird so zu einer Projektionsfläche.
Unter der Definition zum Begriff Stereotypen nach dem amerikanischen Journalisten Walter Lippmann („Public opinion“, 1922) findet sich eine Analogie zu der Herstellung von Druckbuchstaben, welche in eine Form gegossen werden.
Ebenso verfügen Menschen, so Lippmann, über kognitive Formen, in denen sozusagen Bilder über andere Menschen oder Gruppen gestülpt oder gegossen werden. Wenn wir also bspw. einen Menschen treffen, den wir als Mitglied einer bestimmten Gruppe kategorisieren, gießen wir unter Umständen diese Information gleichsam in eine Form und projizieren diese vorgeformte Meinung auf diese Person. Dadurch muss an sich erst einmal keine feindselige Haltung entstehen; es kommt darauf an, was projiziert wird, also ob es ein negatives Urteil inne hat.
Sicherlich spielt es auch eine Rolle, aus welchen Kanälen die Informationen stammen, die dann als verdichtetes Bild projiziert werden.
Um es an einem Beispiel zu erläutern: Afrika ist ein Kontinent, in den Europa mehrfach hinein passt – entsprechend sind dort die unterschiedlichsten Sprachen, Kulturen, Stämme, Länder, Landschaften etc. zu finden. Dennoch neigen vielen Menschen dazu, Afrika mit geballter Armut, Hunger und Gewalt zu verbinden, was sicherlich nicht falsch ist, allerdings sehr wahrscheinlich nicht auf den gesamten Kontinent zu trifft.«
(Arne Kampwerth)