Stress | Lebenswelt

© Kirsten Tetzlaff, Diplom 2009
Warum der Begriff „Stress” so gefährlich ist.
Ein Vorwort von Jo Schneider (www.maennerfantasie.de)
Als Christoph Martin Wieland 1752 der Welt beschied, jede Sprache sei „der Organisation. der Lage, dem Genie und Charakter der Nation, von welcher sie gebildet worden ist, angemessen”, traf er sprachphilosophisch ins Schwarze. Sprache und Menlalilät, „Charakter”, wurden in ein RückkopplungsverhäItnis gesetzt. Die Einzigartigkeit der Sprache belegte die Einzigartigkeit der Kultur, die damals noch „Nation” hieß, Die Übersetzungswissenschaften beschäftigt da, bis heute, speziell, wenn es für eine bestimmte Formel in der Zielsprache keine Entsprechung gibt: Wie will man etwa „Guten Appetit” ins Englische übersetzen? Good appetite? No thanks!

Im Kulturtransfer durch Übersetzung sind semantische Unschärfen nach wie vor ein Problem - und wenn es zum „Charakter” einer Nation gehört, laufend Begriffe aus einem anderen Sprach- und Kulturkreis zu entlehnen, ist das Chaos nahezu perfekt. Besser wird es eigentlich nur noch, wenn der Begriff innerhalb des Sprachkreises aus dem er kommt selbst wiederum aus einer bestimmten Terminologie in eine andere entlehnt worden ist - etwa aus der Physik in die Psychologie. Völlig verrückt wird es, wenn der Initiator der Entlehnung in diesem Sprachkreis aus dem Sprachkreis kommt, in dem das betreffende Wort hinterher.,. aber der Reihe nach!

Der Übersetzer, der in einem englischen Text das Nomen „stress” vorfindet, gerät an den Rand des Wahnsinns, Wie soll er das denn nun übersetzen? Als „Belastung” oder ,,Anstrengung”, wie es das Wörterbuch vorschlägt? Dann fehlen die Dimensionen von „Akzent” und „Betonung” die - auch darüber gibt das Wörterbuch dürr Auskunft - im englischen „stress” mitschwingen. Oder das Wort einfach stehen lassen, aus dem kleinen englischen „stress” einen großen deutschen „Stress” machen? Dann wird der Stress übertrieben. aus einer ganz normalen Befindlichkeit wird ein Signal, denn genau darum wird ja aus anderen Sprachen entlehnt, um Sachverhalte in der eigenen Sprache besser pointieren zu können. In seinem neuen sprachlichen Umfeld ist der deutsche „Stress” mehr, als ein englischer „stress” je sein könnte.

Als der österreichischstämmige Mediziner Hans Selye 1936 in Montreal den englischen Begriff „stress” aus der Physik entlehnte, ahnte er wohl nicht, was er seiner Herkunftssprache und mithin auch seiner Herkunftskultur damit antat: Sie hatte mit dem englischsprachigen physikalischen Terminus plötzlich ein Wort, das weit über ihre bisherigen Begriffe von Belastung und Beanspruchung hinausging: „Stress” verband die Anstrengung, die Arbeit und Konzentration bedeuten, direkt mit der Modellierung des Körpers und der Psyche. Das gilt schon in der Ursprungsterminologie, in der Physik: Auf dem Material, das „gestresst” wird, bildet sich der Stress ab. Im Gegensalz zur „Belastung” wird das Material beim „Stress” geformt. und nicht einfach nur verschlissen. Hier liegt das Geheimnis von „Stress”: „Stress” kann positiv sein!

Was man mit „Stress” nicht nur sprachlich, sondern auch gesellschaftlich alles machen kann, lässt sich an einem populären Satz zeigen: „Ich hatte in letzter Zeit echt viel Stress, aber positiven Stress!” So etwas sagen Mediendesigner aus dem Prenzlauer Berg, es ist ein Satz, der zu den projektbezogenen Kreativarbeitern der Jetztzeit passt wie ihre Umhängetaschen aus LKW-Plane. Der Stress ist hier - wie schon in seiner physikalischen Ursprungsbedeutung die pointierte Belastung: Etwas drückt gewaltig auf den Körper, bzw. die Psyche, und der/die verformt sich zeitweise und an bestimmten Stellen. Stress ist damit etwas anderes als die kontinuierliche Auslaugung etwa der Fabrikarbeiter. Stress verändert, ohne zu verschlechtern. Dieses Alleinstellungsmerkmal wird besonders deutlich, wenn man die Gegenprobe macht: „Ich hatte in letzter Zeit echt viel Belastung, aber positive Belastung!”

Wer „positive Belastung” sagt, braucht dringend einen Therapeuten, eine Domina oder beides. „Ich hatte in letzter Zeit viel Anstrengung, aber positive Anstrengung!” Das ist etwas besser, aber hier würde jeder Chef der Welt fragen, ob’s mit der Anstrengung nicht gereicht habe. Offensichtlich sei man ja noch… Merke: Anstrengung ist nicht positiv! Und das ist das entscheidende Problem: Das Fremdwort „Stress”, so aggressiv es auch klingt, verharmlost die Arbeit! Es hat keine negative Vergangenheit. Niemand kennt Geschichten davon, dass Bergleute oder Stahlkocher unter „Stress” zusammengebrochen wären - höchstens ein paar esoterisch angehauchte Hauptschullehrerinnen Mitte der 1970er, Weicheier allein von Berufs wegen.

„Belastung” und „Anstrengung” klingen da anders, sie haben Vorgeschichte - und sie sind ehrlich. Dass Arbeit kein Spaß ist (sondern Arbeit), kann man im Zeitalter des „Stress” kaum mehr vermitteln. Dass Zehntausende sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und sich dabei nicht etwa gnadenlos verarscht, sondern „arm, aber sexy” fühlen (müssen), hat auch mit der „Stress”-Bedeutung zu tun. Eigentlich wäre statt tapferem Grinsen längst Revolution angesagt, aber die ist mit „Stress” nicht zu machen. Wer gibt schon gerne zu, dass er mit „Stress” nicht umgehen kann?

„Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt - Stress”: wird „Stress”-Erfinder Hans SeIye an verschiedenen Stellen zitiert. In der griechischen Mythologie sind es die Danaer, die mit einem zweifelhaften Geschenk Unheil über die Stadt Troja bringen. Selyes „Stress” ist ein Danaergeschenk für die Sprachen der Welt. Und für die, die sie sprechen.